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NELL

NELLS STECKBRIEF

Rasse: Podenco

Schulterhöhe (ca.): 58 cm

Alter/Geb. (ca.): 25.11.19

Geschlecht: weiblich

Kinder: nein

Katzen: nein

Zweithund: ja

MMK´s: negativ

In PHF-Obhut seit 15.12.2020

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NELLS GESCHICHTE 

Nell, das Waldgespenst

Hier mal ein ausführlicher Sicherungsbericht eines freilebenden Podencos und die Zeit, wie sich Nell langsam an das Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnt hat.

 

Es war Anfang Oktober 2020 an einem Dienstagnachmittag auf der Rückfahrt eines Hundespazierganges in den Bergen. Das Auto voll mit 15 Hunden, die glücklich und müde vor sich hinschlummerten, als in einer Kurve unvermittelt ein weißer Schatten im Rückspiegel auftauchte und die Passagiere in der oberen Boxenreihe fast zeitgleich Alarm schlugen.

Ein Blick in den Seitenspiegel - es ist tatsächlich ein weißer Podenco, der dem Auto hinterherjagte.

Bremsen im Rahmen des Möglichen, Rückwärtsgang und zurück um die Kurve und das Auto so gut wie möglich in der Böschung anhalten.

Ein freches, junges Podencomädchen verbellte mich mit vorne nach unten gebeugtem Körper, aber großem Sicherheitsabstand. Sie wich ständig vor mir zurück, selbst wenn ich mich von ihr abgewandt auf den Boden setzte. Schlussendlich ging sie weg in Richtung eines sehr renovierungsbedürftigen Häuschens oben am Berg. Also war klar, als Mensch komme ich da nicht weiter. Eine hündische Hilfe muss her. Kurz überlegt, war klar wer da vermitteln kann. Die Hündin müsste dann halt bis nach Hause auf dem Vordersitz Platz nehmen, was soll's, dachte ich da noch.

Mittlerweile tobten die Passagiere im Auto und es war wie das Einfädeln eines Fadens ins Nadelöhr für Weitsichtige ohne Brille, nur in umgekehrter Richtung, den bestimmten Hund aus dem Auto zu holen, denn natürlich wollten alle zur Unbekannten hin.

Lunes , einer meiner kleinen Podis vorausgeschickt, kam die Neugierige bald wieder den Berg hinunter und nach einer vorsichtigen Begrüßung zwischen ihr und Lunes zeigte sie ihm den Weg zu ihrem Reich. Die beiden gingen voraus zum Haus, ich folgte den beiden als Schlusslicht.

Hola, hola rief ich in gebührlichem Abstand zum Haus. Nach einer Weile knarrte dann eine Türe und eine kleine, alte Spanierin erschien auf der Treppe.

Ich grüßte freundlich und fragte, ob das ihr Hund sei. Ja, nein, dieser Hund sei im Juni dieses Jahres plötzlich einfach da gewesen. Sie verstehe nichts von Hunden oder Katzen und hätte noch nie ein Tier gehabt. Der Hund sei aber einfach nicht mehr gegangen. Also hat sie ab und an etwas zu Essen rausgestellt und in einer angebrannten, mit Teflon beschichteten Bratpfanne Wasser bereitgestellt.

Lunes hatte in der Zwischenzeit das harte Brot auf dem Boden weggefuttert und den still vor sich hin rostenden, alten Camper, Zeuge einer früheren besseren Zeit, angepinkelt. Ich rief ihn her und er wollte die Spanierin begrüßen. Ja zugegeben, er ist an ihr hochgestanden und wedelte nach mehr altem Brot und Streicheleinheiten. Das war zu viel für die Spanierin. Sie setzte mit einem Känguru Sprung zurück und riss die Hände in die Höhe.

Klar rief ich Lunes sofort zurück und leinte ihn an. Doch der Schock stand ihr tief ins Gesicht geschrieben.

So was ist ihr mit der schönen Weißen nie passiert, die kommt gar nicht erst so nah ran.

 

Ich sagte ihr, dass wir uns besonders um diese Hunde kümmern und dass ich ihr gerne helfen würde.

In Ruhe und spanischer Manier erklärte ich ihr fünfmal, dass es eine junge Hündin sei, die bald läufig werden könnte und dann bestimmt Rüdenbesuch empfangen würde. Das Ergebnis wären dann 8-12 Welpen. Dies würde sich zweimal jedes Jahr wiederholen.

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren diese Infos für sie ungefähr wie wenn mir jemand Physik erklären würde.

Es benötigte einer langen Bedenkzeit bis sie sagte, oh nein, das ist dann doch zu viel. Sie würde die Gesellschaft der Hündin sehr genießen, nicht aufdringlich, sehr genügsam und vor allem ohne jeden Aufwand. Aber so viele Hunde wären dann doch zu viel.

Glücklich über die Einsicht und Aussage schlug ich ihr vor, den mit verschimmelten Matratzen, einem rostigen Metallbettrost und sonstigem Müll vollgestellten Camper im Eingangsbereich etwas frei zu räumen, damit das Futter und Wasser immer dort drinstehen könnten und die Hündin sich so langsam an einen festen Futterplatz gewöhnen würde. Die rostige Türe, so versicherte sie mir, lasse sich noch öffnen und schließen.

Also alles genau erklärt, fünfmal natürlich, schrieb ich ihr meine Handynummer auf und bat sie, mich anzurufen, wenn die Hündin ohne Scheu in den Camper essen geht. Ich würde sie dann holen, kostenlos für sie kastrieren lassen und wenn alles gut verheilt ist, ihr wieder bringen.

Oh das sei aber toll, eine große Hilfe und ja das würde sie gleich morgen beginnen mit der Futterstelle. Ich lies ihr den Eimer Hundefutter dort, der immer im Auto ist für solche Fälle, und wir verblieben mit gegenseitigem Dank und guten Wünschen.

 

Eine Woche verging, zwei Wochen und immer noch kein Anruf.

Also fuhren Lunes und ich wieder hoch und wurden genauso vom weißen Waldgespenst angemeldet wie zuvor.

Was ist passiert, es scheint niemand Zuhause zu sein? Campertüre zu, Müll noch genau am selben Ort, kein Platz für Futter und Hund freigemacht. Stattdessen eine Schale weißer Reis im freien Gelände. Der Hündin schien es nicht sonderlich zu schmecken, dafür war Lunes umso schneller am futtern.

Ich setzte mich ins Gras und schmiss Leckerlis, nach einer Weile interessierte sich die Weiße dafür und erwischte dann auch mal eines. Hm, lecker. Plötzlich knarrte die Haustüre und Frau Spanierin erschien mit löchriger Wollmütze auf dem Kopf und vor Dreck selber stehendem Bademantel aus Omas Zeiten.

Ich erkundigte mich nach ihrem Befinden und den Fortschritten, die Hündin an einen festen Futterplatz zu gewöhnen.

Oh alles sei gut, aber die Hündin würde nicht in den Camper gehen.

Darauf folgten ein Haufen völlig wirrer Aussagen, auf die sie nach genauerem Nachfragen keine Antworten hatte.

Außerdem hätte sie sich alles nochmal überlegt und möchte nun doch nicht, dass ich die Hündin kastrieren lasse. Wenn sie in ein paar Jahren ein anderes Haus hätte, würde sie gerne einen der Welpen behalten.

 

Man kann sich vorstellen, wie es innerlich in mir kochte bei der Aussage und ich mich voll beherrschen musste, um ruhig zu bleiben. Also nochmal von vorne, Blümchen + Bienchen = zweimal im Jahr?!

Ja, bis dahin könnte ich ja die Welpen jeweils nach der Geburt holen.

Nein, so geht das nicht!!!!!!!

Dann würde sie halt schauen, dass die Rüden nicht zu nahekommen.

SUUPER, also nochmal von vorne.

Alle Argumente trafen auf taube Ohren und noch wirrere Gegenargumente kamen zurück. Ich musste einsehen, dass das größte Problem psychischer Natur ist, was professioneller Hilfe bedarf.

Da war ich machtlos.

Und so begann am darauffolgenden Tag die fast achtwöchige, tägliche Fahrt in die Berge, um das Waldgespenst anzufüttern. Mal mit ganz tollem Erfolg, mal mit sehr frustrierenden Rückschritten. Eines Tages sah ich sie nur von weitem, schickte Lunes hin. Da sah ich, dass sie humpelte. Als zwei Biker vorbeifuhren war klar, dass etwas passiert sein musste. Sie jagte ihnen nicht wie gewohnt hinterher, sondern humpelte so schnell wie möglich den Berg hoch und kam an diesem Tag nicht wieder zu der kleinen Straße runter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An den folgenden Tagen zeigte sie sich zwar wieder, blieb aber viel mehr auf Distanz. Also kamen abwechslungsweise andere stattliche Rüden mit, in der Hoffnung, dass sie wieder näher ran kommen würde. Die Neugierde war groß, sie kam mindestens den Hunden näher, machte aber keine Spaziergänge mehr mit und nahm auch kein Futter aus der Hand an. Weder Hundewurst, Dosenfleisch noch besondere Leckerlis wurden in den nächsten Tagen angenommen.

Wir sahen uns jeden Tag und sie zeigte mir, dass sie zwar die Besuche erwartete in dem sie immer am selben Aussichtpunkt hoch oben schon da saß. Lunes war stehts willkommen und nach einer Weile nahm sie auch wieder kleine Leckerlis - mit genügend Abstand zu mir - ins Gras geworfen, wieder an. Aber mein geheimes Projekt, Sicherung des Waldgespenstes, würde so scheitern.

Denn die von mir versteckt aufgestellten Trink- und Futtertöpfe auf dem Gelände der Spanierin, da wo sich das Waldgespenst am sichersten fühlte, wurden von dieser immer wieder entfernt. Also konnte ich nur noch auf der öffentlichen, sehr schmalen Straße mit der Hündin kontakten und da war sie seit dem Zwischenfall mit den Bikern immer noch sehr auf Abstand.

 

Es gab zwar Tage, wo sie manchmal recht nah zum Auto kam und auch auf der Straße ein paar wenige Leckerlis annahm. Aber sie war nie so interessiert und konzentriert auf Lunes oder das Futter, wie auf ihrem Gelände abseits der Straße.

Ich besprach mich wieder mit einer Freundin, die im valencianischen Hinterland schon viele Podencos gesichert hatte. Von ihr sind unter anderem auch Esperanza mit Welpen, Abby und Zoe, Penny und Josey etc. Oftmals ist die Sicherung nur noch mit Hilfe der Lebendfalle möglich, so z.B. auch bei Tilda. Sie bezweifelte angesichts der Videos auch sehr, ob die Hündin wirklich in die große Falle rein gehen würde. Aber es schien die letzte Option.

Sie suchte eine Transportfirma, die bereit war die große Lebendfalle innerhalb einer Woche zu bringen. Die einzige Möglichkeit, da wir in Spanien (während der großen Coronawelle) nicht in ein anderes Bundesland fahren durften.

Ich deckte mich also vorsorglich mit Vakuum verpacktem Grillhänchen und Dosensardinen ein, die am meisten mit Erfolg gekrönten Köder für Lebendfallen.

Eigentlich holt man den ultimativen Trumpf nicht vorher aus der Tasche. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass sie auch mit Hühnchenfleisch und Sardinen nicht in die Falle gehen würde.

Schließlich bekam ich sie die ganzen Wochen zuvor nie dazu, nur schon mal einen nahen Blick ins offene Auto zu werfen, geschweige denn für Fleisch ins Auto reinzuspringen. Lunes hatte es zig Male vorgemacht und sich dabei vollgefressen. Aber ihr Instinkt, kein Risiko einzugehen, ist sehr beeindruckend und nicht durch plumpe, menschliche Tricks zu überlisten.

 

So faszinierend die Besuche bei ihr auch waren, denn so viel Schlauheit, Voraussicht, kombiniertes Denken und Überlegenheit bekommt man als Hundeliebhaber eines "normalen" Hundes nie gezeigt. So klar war auch, dass nicht mehr ewig viel Zeit blieb. Sie würde läufig und gedeckt werden, ein weiterer Unfall mit gravierenderen Folgen könnte jederzeit passieren, ein Jäger könnte aus reiner Jagdlust auf sie schießen, die alte Spanierin wird eines Tages mal nicht mehr sein und dann ist gar niemand mehr dort.....

 

Deshalb wurde der nächste Besuch von einem herrlichen Duft begleitet. Es sollte der letzte Test vor der Lebendfalle sein. Die Wirkung war erleichternd, sie kam recht schnell näher und nahm das Fleisch sogar nach einer Weile aus der Hand entgegen. Erst auf einem Teil ihres Geländes, welches vom Haus aus nicht einsehbar war. Danach folgte sie dem Brathänchen auch bis zur Straße runter und nahm sogar neben meinem Auto Fleisch aus der Hand. Doch kaum kam das nächste Auto vorbeigefahren, war sie weg. Wenigstens hatte sich ihr Bein erholt, denn sie jagte wieder Autos und Bikern ungebremst hinterher.

Am nächsten Tag, dem 15.12.2020 war ich so im Zwiespalt mit mir selber, dass ich diesen Tag anstatt zum Waldgespenst zu fahren (die Falle war ja noch nicht da), endlich mal wieder mit meinen eigenen Hunden laufen gehen wollte. Die mussten die ganze Zeit über verzichten, denn beides war zeitlich nicht möglich.

Jeder kennt das, der innere Kampf, eine vernünftige Entscheidung zu finden. Doch dann stellt man alles wieder auf den Kopf. Meine Hunde sind sicher, haben es warm und immer genug zu essen. Außerdem konnten wir im Frühjahr wegen der Ausgangssperre schon fast 3,5 Monate lang nicht laufen gehen. Sie werden es überleben.

Also nur Lunes ins Auto und doch wieder hochfahren. Sie sitzt am Berg, schaut uns zu. Autos fahren vorbei, sie bleibt einfach sitzen, jagt ihnen nicht hinterher. Etwas ist anders als all die Wochen zuvor. Ich gehe aus der Deckung und schaue zum Haus hoch. Die einzigen beiden Fenster sind verriegelt mit Holzläden. OK, also wage ich mich bis zum Haus vor. Das kleine Auto ist auch nicht da. Ein Teller voller Teigwaren, im Regenwasser der letzten Nacht schwimmend, steht mitten im Gelände.

Sie freut sich sichtlich sehr über die Gesellschaft, hüpft um Lunes rum und will ihn zum Spielen auffordern. Was bei ihm angesichts der Riesenportion Teigwaren auf taube Ohren stieß.

Ich setzte mich auf die oberste Stufe der Treppe (die zu 3 Seiten hin offen und ohne Geländer ist) vor dem Haus und mit Lunes an meiner Seite kam sie langsam aber sicher immer eine Stufe näher. Leckerlis, heute und hier....jaa sehr gerne. Es war auf ihrem gewohnten Gelände, so zeigte sie sich viel mutiger, interessierter und offener. Ich genoss die Situation, dass sie das erste Mal zwar mit Sicherheitsabstand, aber in normaler Körperstellung ein Leckerli nach dem anderen aus der Hand annahm. Selbst als ich die Retrieverleine zwischen sie und die Hand mit den Leckerlis hielt, schreckte sie zum ersten Mal nicht zurück. Sie streckte sogar nach einer Weile ihre halbe Schnauze durch die Schlinge um an das Leckerli zu kommen. Unglaublich! Aber immer noch zu weit weg um die extrem flinke Hündin zu sichern.

 

Langsam aber sicher blieben nicht mehr viele Leckerlis übrig. Wie lange würde die Spanierin wohl noch weg sein? Morgen noch oder länger. Oder ist sie ab morgen schon wieder zurück?

So nah, wie auf ihrem gewohnten Revier würde ich der Hündin auf der Straße nie kommen, das war nun ganz klar. Es gab nur einen einzigen Versuch. Missglückt der, war es das.

Oh Mann o Mann. Man fängt innerlich an zu zittern, die Hündin merkt das, geht gleich 20 cm mehr auf Abstand. Und sie ist satt, wird das Interesse an den Leckerlis eh bald verlieren.

Fünf Leckerlis sind übrig. Also erst eines für Lunes, eines auf die Stufe unter mir, zwei um sie wieder in die Nähe der Schlaufe zu bekommen und eins für top oder flop.

 

15.12.2020

Der Tag der Sicherung von Nell.

Ob ich glücklich bin, sie nun sicher zu wissen? Sicherung klingt doch so toll.

Jein. Ist unser Verständnis von Sicherheit in ihrem Sinne?? Zurzeit auf keinen Fall! Sie hat 48 Stunden kein Futter oder Wasser angerührt oder entgegengenommen. Nicht gepieselt und keinen Kot abgesetzt. Sie kann sich frei im Innen- und Außenbereich der Quarantäne bewegen. Doch meist steht sie zusammengekauert und wie versteinert da. Es gibt Tage, da können Lunes und ich zu ihr durchdringen und sie nimmt wieder zögerlich etwas Futter aus der Hand. Mal sucht sie Schutz bei Pluma, mal schielt sie sogar vorsichtig durch die offene Türe und geht dann auch raus um sich zu versäubern. Aber dann macht sie auch wieder komplett zu und reagiert auf gar nichts. Es gibt Tage, da isst sie abends gut aus der Hand, einmal hat sie sogar ein Spieli mit in ihr Bett genommen, man denkt jetzt ist der erste Knoten geplatzt. Doch am nächsten Tag muss man sich einfach eingestehen, sie hat keinen Knoten, es ist schlicht nicht ihre Welt.

 

In den Bergen hat sie jede Minute ihres Lebens selbst entschieden, sich frei nach Lust und Laune bewegt. Völlig unabhängig vom Menschen. Konnte all ihre Instinkte einsetzen, ausleben und schärfen. Für sie waren es keine Entbehrungen, es war ihre perfekte Hundewelt.

Wird sie jemals ein ähnlich glückliches, "freies" und unbeschwertes Leben im Kreise von Menschen, voller Beschränkungen und Vorgaben genießen können? Ich weiß es nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es zumindest unmöglich. Darum sagt man auch sichern und nicht einfangen....klingt besser.

Lunes und ich liegen bei ihr auf dem Boden, lassen sie dann aber auch wieder in Ruhe. Ich sehe sie, aber es ist nichts mehr da von dem fröhlich, frechen Waldgespenst aus den Bergen.

 

Wieder einmal mehr wünschte ich, wir hätten für solche Hunde ein Podenco Reservat zur Verfügung, um ihnen das ersparen zu können. Nicht jeder kann sich in einer komplett anderen Welt zurechtfinden und wirklich glücklich werden. Nicht für jeden Hund ist die Sicherung eine Verbesserung. Und trotzdem habe ich es getan, weil es eine Hündin mehr wäre, die sich ungebremst vermehrt hätte und deren Welpen dort keine Zukunft gehabt hätten.

Und von denen gibt es zurzeit leider eine regelrechte Schwemme.

Tierschutz mit Nebenwirkungen….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die nächsten 2 Monate wurde sie in meinem Garten im Welpenauslauf untergebracht. Dort konnte sie schon mal mit meinen eigenen Haushunden kontakten und mich aus sicherer Entfernung einfach nur beobachten, hören und riechen. Trotz Sturm, Hagel oder Regen ist sie in all dieser Zeit kein einziges Mal in eine der Hundehütten gegangen, geschweige denn hätte sie sich in ein Hunde-bettchen gelegt. Lediglich ihre selbstgescharrte Erdkuhle wurde von ihr als Schlafplatz genutzt.

Futter bekam sie ausschliesslich aus der Hand, um sie weiterhin vom Menschen überzeugen zu können. Lunes hat auch hier seinen Job als Unterstützerhund hilfreich weiter ausgeübt. Denn zu Beginn nahm Nell nur das Futter, wenn es auf dem Gelände ruhig war und Lunes mit in den Auslauf kam, natürlich blieb sie dabei immer in Habachtstellung und war allzeit bereit für die Flucht. Selbst wenn der Wind wehte oder sich ein Ast bewegte, schreckte sie jedes Mal sofort zurück.

Nach einiger Zeit habe ich dann angefangen immer mal wieder 2-3 meiner Hunde mit in den Auslauf zu nehmen um sie nach und nach an mein Rudel zu gewöhnen.

 

Nach 2 Monaten kam dann der Moment, als ich sie mithilfe von Gittern im Welpenauslauf einfangen musste. Für Nell war es natürlich der absolute Horror, aber ich wusste, dass ich nie wieder an den Hund rankommen würde, wenn ich sie jetzt einfach auf meinem großen Gelände laufen lassen würde. Als ich sie dann schließlich hatte, bekam sie ein Brustgeschirr und Leine dran, woran sie sich erst mal lange Zeit gewöhnen musste. Sie lag erst nur zusammengekauert wie ein Blatt Papier auf dem Boden und bewegte sich in ihrer Angststarre nicht mehr. Ich saß einfach nur daneben und hatte die Leine in der Hand. Fühlte sie sich unbeobachtet, lief sie dann auch mit der leichten, kurzen Schleppleine durch den Welpenauslauf. Über Tage und Wochen ging ich also immer wieder zu ihr und nahm das Ende der Schleppleine in die Hand, bis sie irgendwann anfing auch mal ein paar kleine Schrittchen mit mir am anderen Ende der Leine zu wagen. Dann kam endlich der Tag, an dem sie sich tatsächlich traute an der Leine durch die Tür vom Welpenauslauf raus auf das große Gelände zu gehen.

Fortan blieb einfach über 2 Wochen die Schleppleine immer dran. Es gab Tage da ging sie 5 Schritte mit mir, dann wieder Tage, da ging kein einziger kleiner Schritt und so war das erst mal ein ständiges auf und ab. Sie gab die Richtung und Geschwindigkeit der Schritte vor, ich folgte ihr möglichst unauffällig. Längst nicht jedes Mal traute sie sich durch die Türe raus in den großen Garten.

 

Aber die Sicherheit, die für sie vom Rudel ausging, veranlasste sie doch immer öfters den Schritt durch die Türe zu wagen.

Doch eines Tages lief sie dann sehr vorsichtig mit dem Rudel auf dem Gelände mit, immer hinter mir mit dem größt möglichen Abstand , niemals auf meiner Höhe oder gar vor mir. Glücklicherweise wurde ihre Neugier immer größer und ohne es selber zu merken, war sie dann auch mal ein paar Schritte vor mir aber stets darauf bedacht ihren Sicherheitsabstand nicht zu verringern. So kam es dann langsam, dass sie an der Schleppleine auf dem großen, weitläufigen und sicher eingezäunten Gelände ein paar Runden mit meinem Rudel und mir gehen konnte. Schlussendlich kam dann auch der Tag an dem ich wieder mal entschied: Top oder Flopp. Ich ließ die Schleppi auf dem großen, aber sicher eingezäunten Gelände auf den Boden fallen und tatsächlich lief sie einfach mit meinem Rudel mit.

 

Nun stand aber die nächste Hürde bevor… Wo würde Nell in Zukunft in Ruhe ihr Futter annehmen? Denn der Welpenauslauf stand jetzt nicht mehr zur Verfügung, da zwischenzeitlich Mama Lilli und ihre Welpen dort eingezogen waren. Verschiedene Stellen wurden ausprobiert.

Sie lies sich dank der Dynamik meines Rudels gut und gerne mit Leckerlies anlocken und so kam sie dann auch abends mit in ihren neuen Schlafzwinger, der sich ebenfalls auf meinem Gelände befindet. Zwar hat diese Veränderung uns wieder ein paar Schritte zurückgeworfen, aber nach wenigen Tagen konnte sie dann im Schlafzwinger in Ruhe aus der Schüssel essen. Der Hunger muss groß genug gewesen sein, dass sie sich endlich von alleine traute, das Futter aus der Schüssel zu nehmen. Denn obwohl sie nach wie vor den Menschen mied, konnte sie dennoch nicht aus einer Schüssel fressen und wartete, bis man ihr das Futter aus der Hand gab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

September 2021

Nun sind etliche Monate vergangen. Das weiße Waldgespenst Nell wurde erfolgreich in meinem eigenen Rudel integriert und kommt auf dem großen, weitläufigen Gelände mit ihren Hundekumpels gut zu Recht. Sie genießt es ausgelassen mit ihnen umher zu toben und nutzt jede Minute des Rumrennens aus. Der nächste wunderbare Fortschritt war, dass sie Ende des Sommers 2021 sogar den Schutz eines Unterstandes aufsuchte, als es eines Nachmittags extrem regnete und gewitterte. Somit blieb sie wenigstens trocken. In die Hundehütten rein zu gehen, traut sie sich nach wie vor noch nicht. Mit ins Haus zu kommen traut sie sich ebenfalls noch nicht, aber immerhin kommt sie von sich aus her und lässt sich anleinen und sogar streicheln. Sie kommt auf Zuruf, wenn es Futter gibt. Zu wenigen von ihr auserwählten Menschen traut sie sich näher hin und staubt dann auch gerne mal ein Leckerli ab oder lässt sich sogar anfassen und genießt es gestreichelt zu werden. Allerdings muss man ihr nach wie vor die von ihr verlangte Zeit und Distanz des Annäherns gewähren.

Sie geht nun täglich kurze Strecken gut an der Leine. Ich übe mit ihr ruhig durch verschiedene Türen rein und wieder raus zu gehen, und sie hat sich auch an kleinere Ausläufe gewöhnt, wo sie mit unterschiedlichen Hunden tagsüber zusammen ist und gerne mit ihnen tobt.

 

Aber sie ist und bleibt im Herzen ein Freigeist mit ihren natürlich geschärften Instinkten und wird wohl nie ein „normaler häuslicher Sofa-Podenco“ werden. Wir sind trotzdem weiterhin sehr gespannt, was die Zeit noch bringen wird, aber erst mal ist an eine Vermittlung nach Deutschland überhaupt nicht zu denken.

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